
Der Duft von frisch gewaschener Wäsche
Nicht jeder beginnt seine berufliche Laufbahn im Bundeshaus, in Verwaltungsräten oder an internationalen Empfängen. Manche Wege beginnen ganz anders – zum Beispiel in einer Wäscherei, zwischen Maschinenwärme, Wasserdampf und der Kunst, jedes Textil korrekt zu behandeln. Mein erster Beruf war Textilpfleger EFZ, Fachrichtung Wäscherei.
Ein Beruf, der heute oft unterschätzt wird – dabei gehört er zu den vielseitigsten technischen Ausbildungen der Schweiz. Denn in der Textilpflege kommen Fachgebiete zusammen, die man sonst nur über mehrere Berufe verteilt findet:
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Chemie, um Waschprozesse und Reaktionen exakt zu steuern
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Faserkunde, um zu wissen, wie sich Baumwolle, Polyester, Wolle oder Hightech-Textilien verhalten
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Textilherstellung, um den Aufbau und die Struktur von Stoffen zu verstehen
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Maschinentechnik, weil Wäschereien mit grossen industriellen Anlagen arbeiten
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Programmierung, von Waschprogrammen bis zu Dosiercomputer-Systemen
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Prozess- und Qualitätsmanagement, denn jeder Fehler wird sofort sichtbar
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Logistik, damit Tonnen an Textilien täglich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind
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Energiefachwissen, da Wäschereien komplexe Wärme-, Dampf- und Energiekreisläufe betreiben
Kurz gesagt:
Dieser Beruf vereint Chemielabor, Mechanikerwerkstatt, Logistikzentrum, Qualitätsprüfung und Energietechnik in einem einzigen Berufsbild. Ich begann meine Ausbildung 1989 und schloss sie in der beruflichen Praxis mit einer Bestnote ab.
Eine perfekte Abschlussnote wurde lediglich von der damaligen Allgemeinbildung verhindert – dort gab es nur ganze oder halbe Noten, und das reichte nicht ganz für die makellose 6.0. Ein Detail, das mich schmunzeln lässt.
Vom Beruf zur Berufung – und vom Textilpfleger zum Unternehmer
Aus dem gelernten Textilpfleger wurde später der Inhaber einer Grosswäscherei: der Reinhard AG Thun/Uetendorf - mit über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Eine Grosswäscherei führt man nicht einfach – man steuert sie. Sie ist ein Hochleistungsbetrieb, der jeden Tag funktionieren muss:
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Waschtunnel und Maschinen in der Grösse eines Kleinwagens
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Sortieranlagen, Verpackungssysteme und Laufbänder
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Energie-, Wasser- und Chemieoptimierung
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Qualitätskontrollen im Minutentakt
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und ein Team, das alles zusammenhält
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Reinraumanlagen und Reinraummaschinen, für die Bearbeitung von Partikelfreien Berufskleidern.
Wir versorgten Spitäler, Hotels, Heime, Gastronomie, Gewerbe und Industrie – zuverlässig, pünktlich und mit hoher Qualität. Ich lernte in dieser Zeit mehr über Führung, Verantwortung und Präzision als in manchem Schulzimmer. Diese unternehmerischen Jahre prägen mich bis heute – auch in meiner politischen Arbeit.
Was bleibt?
Vielleicht dies:
Die Wäscherei lehrt einen, dass jedes Detail zählt.
Dass Qualität kein Zufall ist, sondern das Ergebnis von Können, Struktur und Teamarbeit.
Und dass man eine Region stärkt, wenn man täglich Verantwortung übernimmt – egal ob in der Wäscherei, im Parlament oder in einem Unternehmen.
Ich habe den Betrieb 2017 an einen Konzern verkauft und ein neuer Lebensabschnitt hat für mich damals begonnen. Dieser Entscheid war nicht einfach. Es war auch das Lebenswerk meiner Eltern.
Zugabe:
Kurz vor dem Tod meines Vaters, hat er noch viele alte 8mm Filme digitalisiert bzw. versucht zu digitalisieren. Hier ein Link zu einem Youtube-Film, welcher den ersten grossen Ausbau des Wäschereibetriebes 1968 an der heutigen Kyburgstrasse 9 in Thun zeigt. Und ja, es gab keine Verletzte.






