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Schneller als man denkt

Als ich 2014 in den Grossen Rat gewählt wurde, rechnete niemand – inklusive mir selbst – damit, dass es so schnell gehen würde. Kaum vereidigt, wurde ich bereits 2. Vizepräsident. Ein Tempo, das es im Kanton Bern so eigentlich noch nie gegeben hatte. Normalerweise ist dieses Amt für Ratsmitglieder gedacht, die lange im Parlament waren – als krönender Abschluss einer politischen Laufbahn. Bei mir war es eher der Startschuss.

Weil der Kanton Bern oft als „etwas langsam“ belächelt wird, suchte ich nach einem passenden Motto für mein Präsidialjahr. Und so entstand etwas, das bis heute in Erinnerung geblieben ist:

Schneller als man denkt.

Ein Motto, das nicht nur zu meiner schnellen Wahl ins Ratspräsidium passte, sondern auch zum Kanton Bern selbst – einem Kanton, der oft unterschätzt wird und dennoch vieles schneller schafft, als viele glauben.

Dazu kam ein visueller Bruch mit der Tradition:
Ich veränderte die Kantonsflagge – der Bär rannte plötzlich. Dynamisch, kraftvoll, selbstbewusst. Ein Symbol, das bis heute Gespräche auslöst und weit über die üblichen, oft vergessenen Mottos eines Grossratspräsidenten hinaus in Erinnerung blieb.

Mein Präsidialjahr dauerte von Juni 2016 bis Mai 2017. Eine intensive, bewegende und auch humorvolle Zeit. Zur Eröffnung jedes Sessionstages erzählte ich eine Bärengeschichte – mal ernst, mal witzig, mal augenzwinkernd. Am Ende des Jahres erhielt jedes Ratsmitglied ein kleines Buch mit allen Geschichten. Die Nachfrage war so gross, dass es sogar Pins, Kleber und Fahnen mit dem rennenden Bären gab. Und ja – ich gebe es zu: Ein paar Kleber, Pins und ganz wenige Bücher habe ich noch heute.

Ein politisches Ausnahmejahr für die FDP Kanton Bern

Dieses Jahr war aber nicht nur für mich speziell – sondern auch für die FDP Kanton Bern. So etwas hat es davor nie gegeben, und danach auch nicht mehr:
Im gleichen Jahr besetzten Berner Freisinnige alle vier wichtigsten politischen Ämter:

 

  • Nationalratspräsidentin: Christa Markwalder

  • Bundespräsident: Johann Schneider-Ammann

  • Regierungspräsident Kanton Bern: Hans-Jürg Käser

  • Grossratspräsident (höchster Berner): Carlos Reinhard
     

Ein aussergewöhnlicher Moment für die Partei – und ein historisches Bild, das sich so kaum wiederholen wird.

Freundschaften, Diplomatie – und kleine Staatskrisen in Bulgarien

Dieses Amtsjahr brachte mir auch neue Kontakte zu bemerkenswerten Menschen – weit über die Kantonsgrenzen hinaus. Ich durfte ausländische Regierungen besuchen, war regelmässig Gast bei Botschaften in Bern, nahm an nationalen Anlässen im Bundeshaus teil und lernte dabei Persönlichkeiten kennen, zu denen ich auch heute noch Kontakt pflege. Aus manchen Begegnungen wurden echte Freundschaften.

Besonders unvergessen bleibt mein Besuch in Bulgarien – aus mehreren Gründen.

 

1. Der Regierungsbadge, die Hotelkarte und die „Störung“

Beim Verlassen eines Regierungsgebäudes steckte ich versehentlich meine Hotelzimmerkarte statt des offiziellen Regierungsbadges in den Türautomaten.
Alles blockierte sofort: Alarm, Störung, Sicherheitsprotokoll.

Ich war drinnen, meine Delegation draussen, und das bewaffnete Sicherheitspersonal verstand die Situation überhaupt nicht.

Nach einigen Erklärungsversuchen und viel gutem Willen wurde ich freigelassen – aber meine Hotelkarte war für immer Teil der bulgarischen Regierungs-Hardware.

2. Die Tramfahrt zum offiziellen Empfang

Noch kurioser wurde es, als ich später mit dem Tram zu einem Empfang fuhr – im Anzug und mit Krawatte.


Das Tram selbst war eine kleine Zeitreise:

  • offenbar einst in der Schweiz ausrangiert

  • im Verkehrshaus Luzern stehen modernere Modelle

  • alle Beschriftungen noch auf Deutsch („Notstop“)

  • der Griff für den Notstopp fehlte allerdings komplett

 

Die anderen Fahrgäste waren eher irritiert als begeistert, dass ein „hoher offizieller Gast“ im Tram mitfuhr. Ein Wohlgefühl war es nicht gerade, aber definitiv ein Erlebnis, das man nicht vergisst.

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3. Bulgarische Medien – und ein kleines Missverständnis

Die bulgarischen Medien berichteten ausführlich über mich. Ich gab Interviews, erschien in Zeitungen und im TV. Viele Menschen dort konnten kaum glauben, dass ein Grossratspräsident:

  • selbst arbeitet,

  • seine Einkäufe im Laden erledigt

  • und seine Wohnung selbst putzt.

 

Später wurde mir sogar erzählt, man habe mich vor Ort fast wie ein höchstes Staatsoberhaupt der Schweiz präsentiert – vermutlich in der Hoffnung, dass ich wichtige Unterstützungsverträge mitbringe.

Ein charmantes Missverständnis – und eine herrlich skurrile Erinnerung an ein aussergewöhnliches Amtsjahr.

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© 2025 Carlos Reinhard

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