
Das Rathaus Bern
Heute widme ich mich einem Ort, an dem ich wahrscheinlich mehr Zeit verbringe als irgendwo sonst: dem Berner Rathaus.

Hier finden die Sitzungen des Grossen Rates statt, hier treffen sich die Fraktionen und Kommissionen, hier werden politische Geschäfte vorbereitet, beraten und entschieden. Wer politisch im Kanton Bern unterwegs ist, kennt jede Stufe, jede Tür, jeden Saal –
und auch den "berühmten Ast eines Baumes", der mitten durch einen Toilettenraum wächst (Kunst von Ueli Berger). Ein schönes Beispiel dafür, dass selbst in der Politik manchmal Dinge „organisch“ entstehen.
Doch hinter diesem Alltag steckt ein Gebäude mit über 600 Jahren Geschichte – ein Ort, an dem die politischen, gesellschaftlichen und manchmal auch dramatischen Kapitel unseres Kantons sichtbar werden.
1406 begann der Bau des neuen Rathauses. Nicht, weil das alte beim grossen Stadtbrand zerstört worden wäre, sondern vor allem aus Prestigegründen: Bern war politisch und wirtschaftlich im Aufstieg und benötigte ein Gebäude, das dieser Bedeutung gerecht wurde. Die grosse Halle im Erdgeschoss und die historischen Ratstuben im ersten Stock gehören zu den ältesten Teilen des Gebäudes und werden bis heute genutzt.
Über die Jahrhunderte wurde das Rathaus immer wieder erweitert, umgebaut und modernisiert:
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die mächtige Freitreppe, die über Jahrhunderte als Bühne politischer Entscheidungen diente
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die Nutzung des Gebäudes für weitere Staatsfunktionen wie Archiv, Münzstätte und Staatsdruckerei
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klassizistische Neubauideen, die zwar ambitioniert waren, aber letztlich an den Kosten scheiterten
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der Grossratssaal von 1831, gebaut im Zuge der ersten demokratischen Kantonsverfassung
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die grossen Umbauten der 1930er- und 1940er-Jahre
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und die umfassende Teilsanierung zum 600-Jahr-Jubiläum im Jahr 2017
Auch die grosse Weltgeschichte hat ihre Spuren hinterlassen:
1946 stand Winston Churchill auf der Freitreppe und sprach zu den Bernerinnen und Bernern über die Hoffnung auf ein „friedlich vereinigtes Europa“.
1947 besuchte Eva „Evita“ Perón die Stadt.
Ein weniger bekanntes, aber umso spannenderes Kapitel betrifft den Staatsschatz von Bern.
Während des Franzoseneinfalls im Jahr 1798 lagerten im Rathausgewölbe grosse Mengen Gold- und Silbermünzen, Bürgertitel und Wertpapiere. Französische Truppen beschlagnahmten diesen Schatz und transportierten ihn nach Paris. Historiker schätzen, dass der heutige Wert mehrere hundert Milliarden Franken betragen könnte – ein beeindruckender Gedanke, wenn man durch die Gewölbe unter dem Rathaus geht.
Für alle, die noch tiefer in diese Geschichte eintauchen möchten, lohnt sich die Übersicht der Staatskanzlei:
https://www.sta.be.ch/de/start/themen/rathaus/mehr-uebers-rathaus-erfahren.html
Für mich ist das Rathaus ein Ort, an dem Geschichte und Gegenwart täglich aufeinandertreffen. Jede Sitzung findet in Räumen statt, in denen über Jahrhunderte hinweg politische Entscheidungen getroffen wurden – von Stadtgericht über Tagsatzung bis Grossrat.
Und vielleicht – ganz vielleicht – reiche ich am Ende meiner politischen Karriere noch eine Motion ein, dass Frankreich diesen Staatsschatz zurückbringen muss.
Natürlich inklusive 227 Jahren Zinsen.
Man darf ja noch träumen.







